Wir haben verpennt. Deutschland kam spät. Erst ab den 1860er-Jahren entwickelte es sich von einem Agrar- in einen modernen Industriestaat. Aber dafür kam Deutschland umso stärker: Zwischen 1871 und 1914 versechsfachte sich die deutsche Industrieproduktion, ihr Weltmarktanteil stieg auf rund 15 Prozent – und lag damit sogar einen Prozentpunkt vor Großbritannien, dem Geburtsland der Industriellen Revolution. Millionen Menschen zogen vom Land in die produktiven Zentren, nach Berlin, Oberschlesien, ins Aachener Becken, ins Rhein-Main- oder Ruhrgebiet, wo alleine der Krupp-Konzern mehr als 80.000 Mitarbeiter beschäftigte.

Diese enorme wirtschaftliche Dynamik im Deutschland der Gründerzeit beruhte zu einem guten Teil auf politischen Reformen im Preußen des frühen 19. Jahrhunderts. Die Stein-Hardenberg-Reformen ab 1807 modernisierten die Verwaltung und führten Gewerbefreiheit ein, und die Bildungsreformen Wilhelm von Humboldts ab 1808 machten Preußen zur Hochburg von Wissenschaft und Forschung. So hatte Deutschland früh die Grundlagen gelegt, um zwei, drei Generationen später zum Weltmarktführer der damaligen Hightech-Branchen zu werden: Maschinenbau, Großchemie und Elektroindustrie. 1914 stammte weltweit jede zweite elektrische Maschine und Installation von AEG oder Siemens. Chemiegiganten wie BASF, Bayer und Hoechst vertrieben Farbstoffe und pharmazeutische Produkte, die Zeiss-Werke Mikroskoptechnik und Hochleistungsoptik. Die Einkommen wuchsen, die Wochenarbeitszeit sank, der Wohlstand stieg ebenso wie die Lebenserwartung.

Moderner Staat und moderne Bildung allein machen noch keine Gründerzeit – auch Kapital gehört dazu. Vor 150 Jahren kam es für die forschungsintensiven Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes gerade zur rechten Zeit: Unter den rund 3000 Aktiengesellschaften, die bis 1890 gegründet wurden – vor 1870 waren es nur 245 –, befanden sich auch die Deutsche Bank (1870), die Commerzbank (1870) und die Dresdner Bank (1872). Alles in allem waren die Bedingungen für neue Unternehmen in den Hightech-Sektoren im damaligen Deutschland so gut wie im heutigen Silicon Valley.

Lernen aus der Industriellen Revolution

Auch im 21. Jahrhundert kommt Deutschland spät. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Bundesrepublik mit überwältigendem Erfolg auf ihre bewährten Industrien – Kohle, Stahl, Elektrotechnik, Auto-, Lokomotiven-, Anlagen- und Maschinenbau. Doch Wirtschaftswunder, Vollbeschäftigung und Exportrekorde machten auch blind für den nächsten großen technologischen Umbruch: die Digitale Revolution. In den USA befreite eine neue Gründergeneration den Computer aus den Forschungsinstituten und Banken und nutzte ab 1989 die Entwicklung des World Wide Web zur Begründung der Plattformökonomie. Hießen die größten US-Konzerne noch 2008 Exxon Mobil, General Electric, Microsoft, Walmart und Procter & Gamble, stehen heute die Big Five der Digitalwirtschaft an der Spitze: Apple, Amazon, Alphabet (Google), Microsoft und Facebook.

Und mit den alten Industrien lassen sie auch die deutschen Konzerne weit hinter sich, obwohl diese ihre Produktion mit modernster digitaler Technik immer weiter automatisieren. Egal, welche zwei der „Big Five“ man auswählt: Sie sind so viel wert wie alle 763 börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen.

Auch in dieser Revolution kommt Deutschland also spät – aber wiederum nicht zu spät. Auch jetzt kann es mit guten Aussichten zur Aufholjagd ansetzen, wenn es eine neue Gründungsdynamik entfaltet. Natürlich geht es dabei nicht darum, mit neuen Stahl- oder Chemiefabriken die Rezepte von vor 150 Jahren zu kopieren. Aber die fundamentalen Erfolgsfaktoren haben sich seither erstaunlich wenig verändert. Ein vitales Start-up-Ökosystem im 21. Jahrhundert wird von denselben drei Säulen getragen wie die Gründerzeit des 19. Jahrhunderts: Staat, Kapital und Wissen. Ein moderner, funktionierender Staat mit kluger Regulierung, guten Bedingungen für Forschung und Wissenstransfer sowie aktivem und einsetzbarem Risikokapital ist auch heute in der Lage, eine enorme wirtschaftliche Dynamik zu entfesseln. Dazu kommt eine vierte Säule, die vor 150 Jahren nur begrenzt berücksichtigt wurde: die Mitarbeiter. Je einfacher und besser sie am Erfolg eines Start-ups beteiligt werden können, desto größer die Motivation für den Einzelnen und damit die Erfolgschancen für das Unternehmen.

Jede Gründerzeit basiert auf neuen Geschäftsideen. Wo sie am besten gedeihen, hängt wiederum sehr vom Klima ab, in dem sie aufwachsen. Hier braucht Deutschland tatsächlich einen Klimawandel – und NEUSTAAT zeigt, wie wir ihn erreichen können.