Werte wie Pluralismus, Privatsphäre, Rede- und Meinungsfreiheit sowie Menschenwürde verlangen nach ethischer Abwägung und Augenmaß im Umgang mit dem technologischen Fortschritt. Aber Wirtschaft und Werte sind in Märkten, in denen der Erste alles gewinnt und mitnimmt, mitunter schwer zu vereinbaren. Und mit solchen Märkten haben wir es hier zu tun, denn für KI-getriebene Geschäftsmodelle sind die sogenannten First-Mover-Vorteile besonders wichtig. Zwar haben zentrale Bereiche für die KI-Infrastruktur und Anwendungsfelder noch keinen dominierenden Akteur. Aber Google, Facebook & Co investieren gegenwärtig schon mehr als alle anderen. Sobald ein Spieler eine ausreichende Größe erreicht, sammelt er mehr Daten, um seine Künstliche Intelligenz damit zu füttern, wird dadurch so attraktiv, dass er von den meisten Nutzern verwendet wird. So kann er noch mehr Daten sammeln und das Produkt weiter optimieren, bis es konkurrenzlos ist.

Die Ersten werden die Besten sein. Für dieses Konzept haben Reid Hoffmann und Chris Yeh in einem gemeinsamen Buch den Namen „Blitzscaling“ geprägt. So wie ein Formel-1-Auto auf jedes Bauteil, das nicht absolut notwendig ist, verzichtet, stellt man im Silicon Valley und in China vieles zurück, was nicht dazu dient, dem Markt davonzurasen: Arbeitsethik, Sozial- und Sicherheitsstandards werden gerne mal zur Nebensache.

Uber hat aktiv versucht, Wege zu finden, um Arbeits- und Sozialstandards für ihre Fahrer zu umgehen, Tesla hat autonome Fahrfunktionen auf der Straße getestet, während andere noch zögerten. Die globale Innovation folgt dem Weg des geringsten Widerstands und der größten Marktchance zum Erfolg. Sie kennt nur ein Motiv: Effizienz. Pluralismus jedoch ist nicht effizient. Rücksichtnahme auf Redefreiheit oder Privatsphäre sind nicht effizient. Die unbedingte Achtung der Menschenwürde ist nicht effizient.

Können wir allerdings in diesem Rennen um die Technologieführerschaft nicht mithalten, machen wir uns abhängig von den blitzskalierenden Anwendungen aus Amerika und Asien und werden so auch Teile der Wertesysteme akzeptieren müssen, die in ihnen „verbaut“ sind. Bei Facebook setzen wir ja schon heute das Häkchen unter die AGBs – nicht weil wir uns sicher sind, dass diese unbedenklich sind, sondern weil es keine echte Alternative gibt.

Wir müssen das europäische Dilemma also selbst auflösen – Europa darf weder sich noch seine Werte verkaufen, um sich bei neuen Technologien an die Spitze zu spielen. Aber wie kann Europa bedeutende Innovationen schaffen und gleichzeitig seine ethischen Maßstäbe erhalten und stärken? Weder China noch die USA können hier als Vorbild wirken, Europa muss eine eigene Antwort finden.

Zu dieser Antwort hat die EU-Kommission in ihrem „Weißbuch zur Künstlichen Intelligenz“ zwei Ansätze vorgelegt. Der erste baut auf Exzellenz: Forschung und Entwicklung sowie Anschubfinanzierung in Form von Wagniskapital sollen verstärkt, die Kompetenzen beim Anwender sowie in der Allgemeinbevölkerung erhöht werden. In NEUSTAAT machen wir eine ganze Reihe von Vorschlägen, um dieses Ökosystem der Exzellenz zu stärken.

Der zweite Ansatz der Europäischen Union baut auf Vertrauen: Er soll einen Rechtsrahmen schaffen, der Vertrauen in KI-Anwendungen schafft und europäische Werte schützt. Zudem sieht die Datenstrategie der EU-Kommission einen verbesserten Zugang zu einem europäischen Datenraum für Forschung, Unternehmen, Behörden vor.

Die Ansätze der EU-Kommission halten wir für richtig. Ihre Ökosysteme der Exzellenz und des Vertrauens ergänzen wir in NEUSTAAT um ein Ökosystem der Agilität. Denn wir brauchen systematische Beschleunigung der europäischen Innovation und klar definierte Initiativen zur Förderung der europäischen Technologieführerschaft. Die Vorschläge im Kapitel “Ohne KI gehen wir K.O.” setzen dort an – damit wir im Wettbewerb der Wirtschaftsgroßmächte langfristig souverän bleiben können.